IIOT! ABER WIE?

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Das Industrial Internet of Things spielt bei der Digitalisierung der Industrie eine zentrale Rolle. Die Frage ist nur: Wie wird ein IIoT-Projekt zum Erfolg? Wir haben Experten gefragt, die die Antwort kennen.

In einem sind sich Industrieunternehmen, Anbieter von Lösungen für das Industrial Internet of Things (IIoT) und Marktforscher einig: Dem IIoT gehört die Zukunft. Das spiegelt sich auch in Marktdaten wider: So hat das Beratungshaus Arthur D. Little im Auftrag des eco-Verbandes ermittelt, dass der Umsatz im Bereich Industrial IoT in Deutschland bis zum Jahr 2022 rund 17 Milliarden Euro erreichen wird – was im Vergleich zum Jahr 2017 einer Verdopplung gleichkäme. Vor allem in Branchen wie der Automobilindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau sind IIoT-Lösungen auf dem Vormarsch. Doch auch Unternehmen in anderen Branchen arbeiten an (I)IoT-Strategien, vom produzierenden Gewerbe, über Banken und Versicherungen bis hin zum Handel.


Der Umsatz im Bereich Industrial IoT in Deutschland soll im Jahr 2022 bei rund 17 Milliarden Euro liegen. Quelle: eco / Arthur D. Little

Das Industrial Internet of Things zum Buzzword zu „degradieren“ wird seinem Potenzial nicht gerecht. Schließlich birgt Industrie 4.0 gerade auch für deutsche Unternehmen immense Chancen. Davon ist Benjamin Aunkofer, Chief Data Scientist bei der Datanomiq GmbH, überzeugt: “IIoT ist die Fachdisziplin, die Deutschland ganz besonders nicht verschlafen darf. Während China und die USA in Sachen IoT bereits überlegen sind, haben wir in diesem B2B-Geschäft noch einen viel leichteren Marktzugang, einen Vertrauens-, und auch einen Technologievorsprung, der jedoch verloren geht, wenn die deutschen Industrieunternehmen – und insbesondere auch deutsche Mittelständler – IIoT-Initiativen nicht oder zu lasch anpackten.“

Ein ‚Selbstläufer‘ ist das Industrial Internet of Things dabei allerdings nicht. Vielmehr müssen Unternehmen eine Reihe von Faktoren berücksichtigen, damit solche Projekte den gewünschten Erfolg bringen. Im ersten Schritt gilt es, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln die sich an den Anforderungen der Kunden orientieren, betont Dr. Stefan Ried, Principal Analyst & Practice Lead IoT beim deutschen Marktforschungshaus Crisp Research: “IIoT-Initiativen scheitern oft am Geschäftsmodell und einem fehlenden, sichtbaren Nutzen für den Kunden.“ Oder wie es Hanna Hennig, CIO bei Osram, ausdrückt: „Es braucht einen Use Case, die passenden Sensoren und einen langen Atem, bis das Geld fließt.“

Auch Florian Beil, Head of Sales für MindSphere bei Siemens, weiß aus erster Hand, wie Industrial-IoT-Projekte erfolgreich verlaufen: „Der Kunde muss Erfolgskriterien für seinen IIoT-Ansatz definieren – dann folgt die Implementierung. In einem ersten Use Case beziehungsweise Pilotprojekt wird dieses Konzept schließlich auf die Probe gestellt. An dieser Stelle sollten Sie sich als Kunde die Frage stellen, ob Sie mit dieser Vorgehensweise die vorher festgelegten Ziele erreichen können.“

Wertschöpfung per Disruption

Fakt ist: Im Zusammenspiel mit der richtigen Plattform bietet das Industrial Internet of Things weitreichende Möglichkeiten: “Unternehmen können dank IIoT im Rahmen von Digitalisierungsprojekten ein neuartiges Ökosystem um ein Produkt herum aufbauen, dadurch eine zusätzliche Wertschöpfung generieren und die Anforderungen von Kunden besser erfüllen”, weiß Dries Guth, Lead IoT Innovation Lab und Principal Expert & Innovation Manager beim IT-Dienstleister itelligence AG. Letztlich besteht schließlich auch das Ziel von IIoT-Projekten darin, neue Einnahmequellen zu erschließen und die Zukunftsfähigkeit von neuen und etablierten Unternehmen zu sichern.


Eine Vielzahl umfassender Services unterstützt alle Teilnehmer im IIoT-Ökosystem bei der Nutzung und Weiterentwicklung. Quelle: Siemens

Damit das klappt, sollten Unternehmen einige typische Fallstricke vermeiden. Dazu zählt beispielsweise, das IIoT und darauf basierende Angebote zu wenig aus der Sicht des Kunden zu betrachten: “Es ist hilfreich, neue Ideen bereits in einem frühen Stadium zusammen mit Kunden zu testen”, ist Jan Rodig, CEO des IoT- und Industrie-4.0-Spezialisten tresmo überzeugt. Er rät außerdem dazu, mit kleinen Projekten zu starten und Business Cases erst dann durchzurechnen, wenn die zugrundeliegenden Ideen umfassend technisch validiert wurden: “Der größte Fehler besteht vermutlich darin, die Entwicklungen im Bereich Industrial IoT nicht ernst genug zu nehmen. Denn bereits jetzt wird das disruptive Potenzial dieser Technologie deutlich”, ergänzt Rodig.

IIoT-Erfolgsvoraussetzungen

Sobald ein Unternehmen eine Strategie im Bereich Industrial IoT entwickelt hat, folgt der zweite Schritt: die Umsetzung entsprechender Projekte in der Praxis. Eine Bestandsaufnahme und -analyse der aktuellen Systemumgebung ist dabei erforderlich: “Viele Unternehmen werden durch veraltete IT-Architekturen gelähmt und sind nicht in der Lage, Produktionsprozesse mit unterschiedlichen Datenbeständen in der Fertigung und auf Backoffice-Systemen effektiv zu verwalten”, warnt Stephan Romeder, CEO von Magic Software, einem Anbieter von Softwareplattformen für die Business-Integration und die Entwicklung von Business-Apps. “Es gilt Prozesse an den richtigen Stellen zu automatisieren und heterogene Systeme zu vernetzen.”

Hier kommen IIoT-Plattformen ins Spiel, wie Dr. Sebastian Klenk, CEO von 5Analytics, einem deutschen Startup, das sich auf die Integration von Künstlicher Intelligenz in Geschäftsprozesse spezialisiert hat, zu berichten weiß: “Die Voraussetzung für erfolgreiche IIoT-Initiativen ist, dass geschlossene Systeme geöffnet und Datensilos abgeschafft werden”, so der Experte. “Durch offene, integrierte Plattformen lassen sich Prozesse abteilungsübergreifend steuern und Informationen zentral und in Echtzeit zusammenführen.”

Die Aufgabe eines solchen IIoT-Betriebssystems besteht darin, Produkte, Anlagen, Systeme und Maschinen mit Hilfe von Cloud-Technologien intelligent miteinander zu verknüpfen: “Durch die Anbindung an eine Plattform profitieren Unternehmen vor allem von der Datenspeicherung und -analyse in der Cloud und von Applikationen, die mit denen sie ihren Kunden digitale, datenbasierte Lösungen anbieten können”, erläutert Dr. Kay Müller-Jones, Leiter Consulting und Services Integration beim IT-Beratungshaus Tata Consultancy Services. Das setzt voraus, dass es sich um eine offene, cloudbasierte Plattform handelt – so wie sie etwa Siemens mit seiner IoT-Plattform MindSphere zur Verfügung stellt.

Essenzielle Datenanalyse

Die Analyse von Daten, die vernetzte Maschinen, Werkstücke und Transportbehälter bereitstellen, zählt zu den wichtigsten Aufgaben einer IIoT-Plattform. Lösungen wie MindSphere stellen zu diesem Zweck spezielle Apps bereit – eigene und solche von Partnerunternehmen. “Die Daten, die bei einem IIoT-Projekt anfallen, müssen intelligent interpretiert werden”, sagt Manfred Bauer, Product Specialist Connected Services bei Bobst Meerbusch, einem führenden Lieferanten von Qualitätsanlagen und Services für Verpackungs- und Etikettenhersteller in Lausanne (Schweiz): “Nur so entsteht ein konkreter Nutzen, etwa eine Ferndiagnose von Problemen, die an Maschinen und Anlagen auftreten, oder die Remote-Unterstützung von Mitarbeitern vor Ort an einer Werkzeugmaschine.”

Das Thema Data Analytics dürfte also in der Fertigung künftig deutlich an Bedeutung gewinnen. Dies konstatiert auch Manuel Nitzsche, Regional Director DACH von Instructure Global Ltd., einem Anbieter von cloudbasierten Lernplattformen. “Allerdings werden Analysefunktionen auch in allen anderen Bereichen der Wertschöpfungskette wichtiger”, betont Nitzsche. “Das gilt beispielsweise für die anwenderfreundliche Bereitstellung von Daten. In diesem Bereich wird beispielsweise die ‘Künstliche Intelligenz’ interessante Einsatzmöglichkeiten generieren.”

Security als Wettbewerbsvorteil

Unternehmen, die das Industrial IoT nutzen möchten, sollten bei der Wahl ihrer IIoT-Lösung zudem den Aspekt der IT-Sicherheit berücksichtigen. Denn nach Daten des Marktforschungsinstituts Gartner sahen sich 20 Prozent aller Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, die das Internet der Dinge nutzen, in den vergangenen drei Jahren mit Angriffen auf IoT-Komponenten konfrontiert. Eine Absicherung von vernetzten Produktionsumgebungen gegen Cyber-Attacken ist daher unverzichtbar. Diese Einschätzung teilt auch Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Jähnichen, Direktor am FZI (Forschungszentrums Informatik Berlin), der die Begleitforschung des Technologieprogramms „Smart Data“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie leitet: “Die Nutzung des IoT und ebenso des IIoT wird ganz wesentlich davon abhängen, ob und wie es gelingt, den ‚Things‘ (Dingen) eine vertrauenswürdige und prüfbare Identität zu geben.“

Kai Grunwitz, Senior Vice President EMEA des IT-Sicherheitsunternehmens NTT Security, spricht aus Erfahrung, wenn er sagt: “Wir sind immer wieder mit Projekten konfrontiert, bei denen elementare Elemente der Informationssicherheit vernachlässigt werden.” Er plädiert daher auch bei IIoT-Lösungen für einen “Security-by-Design”-Ansatz. “Dieser hilft nicht nur dabei, Risiken zu minimieren. Security kann vielmehr ein Differenzierungsfaktor und Wettbewerbsvorteil sein”, betont der Security-Experte.

Bei der Wahl einer IIoT-Lösung sollten Interessenten daher auch den Faktor Sicherheit im Auge behalten. Wichtig ist beispielsweise, dass Maschinen, ganze Fertigungsumgebungen, Anwendungen und Enterprise-Systeme in einer IIoT-Umgebung über gesicherte Verbindungen miteinander kommunizieren. Siemens Mindsphere stellt für diesen Zweck unter der Bezeichnung MindConnect passende Hard- und Software zur Verfügung, die diesen Anforderungen gerecht wird.

„Wer kleinkariert denkt, wird groß scheitern“

Doch mit Technologie alleine ist der Erfolg von IIoT-Initiativen noch nicht in „trockenen Tüchern“, so Dr. Kay Müller-Jones: “Ein wesentlicher Faktor ist die Unternehmenskultur. Mitarbeiter und Führungskräfte müssen bereit sein, ihre Sicht auf Kunden und Produkte sowie Geschäftsprozesse auf den Prüfstand zu stellen und nötigenfalls anzupassen.”

Vor allem die Unternehmensführung steht hierbei in der Pflicht: “Smart Factory muss Chefsache sein, nicht eines von vielen IT-Projekten”, unterstreicht Franz Gruber, Geschäftsführer von Forcam, einem der Pioniere im Bereich Industrie 4.0. Wichtig sei dabei, die Menschen zu motivieren, die neue IIoT-Technologien einsetzen und die digitale Transformation bewältigen sollen. Zum Abschluss hat Gruber noch einen Tipp für Unternehmen in petto, die mit dem Gedanken spielen Industrie-4.0- und IIoT-Lösungen auf “Sparflamme” einzuführen: “Wer bei der Wahl der Industrie-4.0- und IIoT-Technologie kleinkariert denkt, wird groß scheitern.”

Damit es nicht dazu kommt, bietet es sich an, auf die Beratungskompetenz von führenden Anbietern von Industrial-IoT-Lösungen zu vertrauen. Denn eines steht fest: Wer beim Industrial Internet of Things zu spät kommt, den bestrafen die Mitbewerber.

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